Narzissmus - zwischen Selbschutz und Beziehungskonflikt

Der Begriff Narzissmus wird im Alltag häufig schnell und abwertend verwendet. In der psychotherapeutischen Praxis zeigt sich jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Narzissmus ist kein klar abgegrenztes Merkmal, das man entweder hat oder nicht hat, sondern ein Persönlichkeitsanteil, der bei allen Menschen in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden ist. In einem gesunden Maß ermöglicht er es, ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und sich als wertvoll zu erleben.Schwierig wird es dann, wenn das Selbstwertgefühl innerlich wenig gefestigt ist und stark von äußerer Bestätigung abhängt. In solchen Fällen entsteht oft ein spürbarer Druck, sich selbst zu stabilisieren. Das kann sich nach außen in einem selbstsicheren, mitunter auch überlegenen Auftreten zeigen, während innerlich gleichzeitig Unsicherheit oder Verletzlichkeit bestehen. Menschen mit ausgeprägteren narzisstischen Mustern reagieren häufig empfindlich auf Kritik oder Zurückweisung und erleben ihr Selbstwertgefühl als schwankend. Phasen von Überlegenheit können sich mit Selbstzweifeln oder innerer Leere abwechseln. Auch die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, kann insbesondere in belastenden Situationen eingeschränkt sein, weil die eigene innere Stabilisierung im Vordergrund steht.Aus psychotherapeutischer Sicht entstehen solche Muster meist nicht zufällig. Häufig entwickeln sie sich als Anpassung an frühe Beziehungserfahrungen. Wenn ein Kind beispielsweise nur unter bestimmten Bedingungen Anerkennung erhält oder in seinen Gefühlen nicht ausreichend gesehen wird, kann es lernen, den eigenen Wert ständig absichern zu müssen. Das kann bedeuten, sich besonders anzupassen, sich hervorzuheben oder Schwäche möglichst nicht zu zeigen. Diese Strategien sind zunächst sinnvolle Schutzmechanismen, die helfen, mit belastenden Erfahrungen umzugehen. Im späteren Leben können sie jedoch zu Schwierigkeiten führen, insbesondere in Beziehungen.Gerade im zwischenmenschlichen Bereich wird narzisstisches Erleben oft besonders deutlich. Nähe kann gleichzeitig sehr gewünscht sein und dennoch Unsicherheit auslösen. Kritik wird schnell als persönlicher Angriff erlebt, und Beziehungen können von einem Wechsel zwischen Idealisierung und Entwertung geprägt sein. Für das Umfeld wirkt das häufig widersprüchlich oder belastend, während die betroffene Person selbst oft unter innerer Anspannung oder Unzufriedenheit leidet.Von einer behandlungsbedürftigen Problematik spricht man in der Regel dann, wenn diese Muster zu anhaltendem Leiden oder wiederkehrenden Konflikten führen. Das kann sich in instabilen Beziehungen, einer hohen Kränkungsanfälligkeit oder einem Gefühl innerer Leere zeigen, das auch durch äußeren Erfolg nicht ausgeglichen werden kann. Psychotherapie bietet hier einen geschützten Raum, in dem diese Dynamiken nicht bewertet, sondern verstanden werden können. Ziel ist es, ein stabileres inneres Selbstwertgefühl zu entwickeln, einen differenzierteren Zugang zu eigenen Gefühlen zu finden und Beziehungen weniger als bedrohlich zu erleben.Narzisstische Muster sind kein Zeichen von Charakterschwäche, sondern oft Ausdruck einer biografischen Erfahrung, in der Selbstwert geschützt werden musste. Veränderung wird möglich, wenn dieser Schutz behutsam hinterfragt und durch neue, tragfähigere innere Erfahrungen ergänzt werden kann.


Praxis für Psychotherapie -  Gesundheitspraxis Südburgenland vital
Mag. Birgit Hofmann-Neuhold, BA, BA, MA